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Bernardin de Saint-Pierre – Paul und Virginie und Die indische Hütte

Bernardin de Saint-Pierre – Paul und Virginie und Die indische Hütte

In diesem kleinen Werke habe ich mir große Aufgaben gestellt: Ich bemühte mich, einen Boden und eine Pflanzenwelt zu schildern, die von denen Europa's sehr verschieden sind. Unsere Dichter haben ihre Liebenden lange genug am Ufer der Bäche, auf den Wiesen und unter dem Laubdache der Buchen ausruhen lassen. Ich habe sie einmal an das Gestade des Weltmeers, an den Fuß der Felsen, in den Schatten der Cocosbäume, der Bananen und blühenden Citronenbäume versetzt. Es fehlt jener andern Hälfte der Welt nur an Theokriten und Virgilen, um von ihr mindestens eben so anziehende Gemälde zu erhalten, als wir sie von unserm eigenen Lande besitzen. Ich weiß wohl, daß geschmackvolle Reisende uns zauberhafte Schilderungen von mehreren Inseln der Südsee gegeben haben; allein die Sitten ihrer Bewohner und noch mehr die der Europäer, die daselbst landen, gereichen der Landschaft oft zur Unzierde. Ich habe gewünscht, mit der Schönheit der tropischen Natur die moralische Schönheit eines kleinen Menschenkreises in Einklang zu bringen. Zugleich beabsichtigte ich, mehrere große Wahrheiten zur Ueberzeugung zu erheben, unter andern die, daß unser Glück in einem der Natur und Tugend gemäßen Leben besteht. Ich hatte indessen nicht nöthig, einen Roman zu ersinnen, um glückliche Familien darzustellen. Ich kann versichern, daß diejenigen, von denen ich sprechen will, wirklich gelebt haben, und daß ihre Geschichte in den Hauptereignissen wahr ist. Diese sind mir durch verschiedene Bewohner von Ile-de-France, mit denen ich bekannt war, bestätigt worden. Ich selbst habe nur einige unwesentliche  Umstände hinzugefügt, die aber dadurch, daß sie mit meiner Person zusammenhängen, ebenfalls noch der Wirklichkeit angehören. Als ich, schon vor mehreren Jahren, eine noch sehr unvollkommene Skizze dieses idyllischen Gemäldes entworfen hatte, bat mich eine schöne Dame, die in der großen Welt verkehrte, so wie einige ernste Männer, die fern davon lebten, eine Vorlesung desselben anzuhören, um die Wirkung daraus zu bemessen, die es auf Leser so verschiedenen Charakters äußern möchte, und ich hatte die Genugthuung, sie Alle Thränen vergießen zu sehen. Das war das einzige Urtheil, das ich darüber schöpfen konnte, aber es war Alles, was ich wissen wollte. Wie jedoch oft ein kleines Talent einen großen Fehler im Gefolge hat, so verleitete mich auch dieser Erfolg zu der Eitelkeit, meinem Werkchen den Titel »Naturgemälde« zu geben. Glücklicherweise dachte ich daran, wie fremd mir sogar die Natur des Erdstrichs sei, wo ich geboren bin; wie reich und mannigfaltig, wie reizend, prächtig und geheimnißvoll sie in jenen Ländern ist, wo ich ihre Erzeugnisse nur als Reisender gesehen habe, und wie sehr es mir an Scharfsinn, Geschmack und Ausdruck fehlt, um sie hinreichend aufzufassen und darzustellen. Ich besann mich also eines Bessern und habe in der Folge diesen schwachen Versuch meinen »Studien über die Natur« angereiht, welche das Publikum so wohlwollend aufgenommen hat, damit dieser Titel, indem er an meine Unfähigkeit mahnt, auch immer an seine Nachsicht erinnern möchte.

(Das Vorwort zu Paul und Virginie)

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