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Charles Dickens - Master Humphrey's Wanduhr

Charles Dickens - Master Humphrey's Wanduhr




"Master Humphrey's Clock" war eine von Charles Dickens allein herausgegebene und geschriebene Wochenzeitschrift, die von April 1840 bis Anfang Dezember 1841 erschien.
Der Schriftsteller, der zuvor mit den "Londoner Skizzen" und den Romanen "Der Pickwick-Club", "Oliver Twist" und "Nicholas Nickleby" schon erfolgreich hervorgetreten war, schuf in dieser Zeitschrift einen Erzählrahmen, in dem ein kleiner Kreis recht verschrobener Herren, zu denen auch Mr. Pickwick gehört, unter dem Vorsitz von Meister Humphrey sich gegenseitig Geschichten erzählt, deren Manuskripte im großen Kasten der Wanduhr aufgehoben werden.
Dickens hatte angenommen, dass eine Mischung von historischen Novellen, Anekdoten und Genreszenen aus verschiedenen sozialen Milieus den Wünschen der Leser entsprechen würde. Es zeigte sich aber rasch, dass die neue Leserschaft umfangreiche Romane mit komplexeren Handlungsgefügen verlangte.
Als der Verkauf der Zeitschrift abnahm, entschied der Autor deshalb, aus "Der Raritätenladen", der ursprünglich nur den Umfang einer kürzeren Novelle haben sollte, einen ausgewachsenen Roman zu machen. Man kann in den ersten Kapiteln, wo der "Wanduhr"-Rahmen mit seinen Geschichten sich mit jenen immer wieder abwechselt, den Umbruch noch gut erkennen.
Der "Raritätenladen" machte dann bis Februar 1841 den Hauptteil der Zeitschrift aus; der Rest bestand, nach einer kurzen Einleitung aus der Rahmenerzählung heraus, mit der die Zeitschrift dann auch schloss, aus dem historischen Roman "Barnaby Rudge", der 1780, zur Zeit der antikatholischen Aufstände, spielt.
Dickens, der den bürgerlichen Lesern in England damals zeigen wollte, was bei einer sozialen Revolution auf sie zukäme, beschreibt die 50 Jahre zurückliegende, religiös initiierte Rebellion so eindringlich und ungemein drastisch und analysiert die Verhetzung der Menschen so scharfsinnig, dass man als deutscher Leser gar nicht anders kann, als Parallelen zur eigenen Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jh. zu ziehen. Aber auch der erste Roman hat verblüffende Passagen; Nellys Flucht mit ihrem Großvater führt die beiden auch durch eine Industriestadt, und wie die Verhältnisse dort im ersten Drittel des 19. Jh. von Dickens geschildert werden, ist in seiner suggestiven Art meisterhaft. Wenn man bedenkt, dass er in nur gut eineinhalb Jahren diese zwei Romane von je 1000 Seiten verfasst hat, muss man seine Arbeitskraft schon bewundern.

In neuerer Zeit sind die Romane aus "Master Humphrey" stets separat gedruckt worden; auf die Erzählungen hat man verzichtet - erst der Winkler-Verlag hat sie 1982 in einen Band mit dem Titel der Zeitschrift aufgenommen, der außer diesen noch weitere verstreute Erzählungen enthält.

Die hier vorgelegte Übersetzung von Carl Kolb, die 1842, also unmittelbar nach Veröffentlichung der Zeitschrift, erschien, hält sich abweichend von der späteren Praxis an die Reihenfolge des gesamten Textes, wie Dickens ihn in der Zeitschrift herausbrachte. Die eBook-Ausgabe (über 1600 ePub-Seiten) folgt dem Wortlaut der Erstausgabe dieser Übersetzung, die im 19. Jh. mehrfach nachgedruckt worden ist.

Drei Illustrationen sind aus den englischen Ausgaben des 19. Jh. beigefügt. Eine davon ziert den Buchdeckel. Man sieht, umrankt von Figuren aus dem Inhalt der Geschichten, die beiden Erzählebenen: oben Master Humphreys Wanduhr-Gesellschaft, unten die volkstümliche Nachahmung mit der im Dienstbotenbereich angesiedelten Gesellschaft um "Herrn Wellers Taschenuhr" - Geschichtenerzählen ist eben ein universales Phänomen.

(brucewelch)

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