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Max Kretzer - Meister Timpe

Max Kretzer - Meister Timpe




"Meister Timpe" (1888) ist Max Kretzers Meisterwerk. Sein naturalistischer Zugriff auf die Wirklichkeit ist dabei bestimmt von einer kleinbürglichen Perspektive, die vom Mitleid angesichts des durch die zweite industrielle Revolution beschleunigten Prozesses der Verelendung des alten Mittelstandes geprägt ist.
Die Träger dieser Phase der Industrialisierung, der neue Mittelstand, erscheinen als ungebildete, rücksichtslose Parvenüs, deren Bestreben in erster Linie das "Totmachen" (so Timpes Gegenspieler Urban) der Konkurrenten ist; dabei wird vor kriminellen Machenschaften nicht zurückgeschreckt, in die auch noch Timpes Sohn verwickelt wird. An Konflikten herrscht also kein Mangel.
Zugleich ist das Werk ein echter Berlin-Roman, der die stadtgeographischen und ökologischen Veränderungen klarsichtig spiegelt. Auch in sozioökonomischer Beziehung steht der Text auf festem Boden; Kretzers Darstellung der Gründerjahre und des anschließenden Katzenjammers mit seiner Überproduktion hat nichts von ihrer Gültigkeit verloren.
Gegenüber den großen Realisten der Zeit wird man hier freilich vergeblich ästhetische Raffinesse oder sublime Psychologie suchen. Der Wert des Buches liegt in der zwingenden Erfassung einer tiefgreifenden Änderung bis dato gültiger Grundauffassungen. Solches literarisch zu gestalten, ist auch mit volkstümlichen Mitteln eine sehr anerkennenswerte Leistung.

(brucewelch)

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