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Fanny Lewald - Wandlungen

Fanny Lewald - Wandlungen



Fanny Lewald hat mit ihrem vierbändigen Werk "Wandlungen" (1853, 1532 Seiten) den Versuch gewagt, einen über 20 Jahre sich erstreckenden Zeitroman zu schreiben, der die wesentlichen Neuansätze ihrer Zeit in sozialer, staatspolitischer, religiöser, moralischer und philosophischer Hinsicht zur Gestalt zu bringen beabsichtigte. Bei einer Beurteilung ihres Werkes sollte nicht vergessen werden, dass es für dergleichen in deutscher Sprache keinerlei Beispiel gab.
Das Romangeschehen erstreckt sich von den späten 20er Jahren des 19. Jh. über die frz. Juli-Revolution 1830 bis hin zur Revolution von 1848 in Deutschland. Die Dichterin begegnet den sich formal stellenden Schwierigkeiten, indem sie die o.g. Konflikte im Wesentlichen in die Gespräche verlagert. Für diese gilt, was der Doktor, jüdischer Herkunft und klar erkennbares Sprachrohr der Autorin, postuliert:
"Wir sollen nicht glauben, sondern prüfen, denn der Glaube macht blind, der Zweifel sehend, und nicht der Glaube macht selig, sondern der Zweifel. Der allein führt zur Wahrheit, zur Erkenntniß von der Göttlichkeit des Menschen und von dem ihm eingebornen Rechte freier Selbstbestimmung ohne Hinblick auf ein höheres Wesen, denn der Mensch ist das Höchste." (I, S.263)
Trotz einer gewissen Kopfgeborenheit dieser Konversationen eröffnet sich ein vielfältiges, interessantes Panorama der Zeitthemen.
Aufschlussreich für die Selbstverortung der Dichterin ist eine Diskussion um die Bewertung von Goethes Romanen (I, Kap.5 ); diese gelten der jungen Generation zwar als klasssisch, aber darum zugleich in ihrem abstrakten Wirklichkeitsverhältnis auch nicht als wegweisend für die literarische Zukunft, in der die arbeitenden Klassen Einzug in die Gattung erhalten werde. Dies spiegelt die Diskussionen Anfang der 50er Jahre um den Realismus in der Literatur. - Interessant ist dabei die Unterscheidung von Roman und Erzählung; ersterer hat nach Lewald die psychologische Entwicklung einzelner Charaktere zu behandeln, während jene sich mit Vorgängen oder der Entwicklung spannender Ereignisse beschäftige, damit aber wertmäßig hinter dem Roman zurückstehe, weil ihm die innere Notwendigkeit fehle. - Dass Lewald gleich auf den ersten 100 Seiten des umfänglichen Werkes diese Diskussion einbaut, verweist auf ihren Wunsch, ihr eigenes Werk richtig eingeordnet zu sehen.
In vielen Bereichen erhalten wir bedeutsame Einsichten, z.B. in die Tiefe, in welche die entmythologisierenden Thesen von David F. Strauß und Feuerbach bezüglich des Christentums bereits eingesickert sind, aber auch in die religiösen Exaltationen bzw. den moralischen Rigorismus, die dies und die Julirevolution bei Teilen des Adels und Bürgertums hervorgerufen hat, und manches andere mehr. Lewald betrachtet St. Simons und Fouriers Ideen mit Skepsis, neigt dagegen offen zum Atheismus und sympathisiert erkennbar mit dem Sozialismus - in allerdings recht idealistischem Verständnis. Das Thema Scheidung, dem sie 1845 mit "Eine Lebensfrage" einen gesamten Roman gewidmet hatte, wird hier mit aller Selbstverständlichkeit zum Handlungsbestandteil.
Wer Robert Gisekes "Moderne Titanen"-Zyklus (siehe die vier Bände hier in ngiyaw) kennt, wird Berührungspunkte wahrnehmen, wenngleich anstelle von Gisekes satirische Darstellung bei Lewald der Willen zum Realismus das Bild beherrscht.
"Wandlungen", dessen vierter Band erkennbar abfällt, schließt mit dem April 1848: die Wahlen zur Nationalversammlung sind abgeschlossen. Der weitere Verlauf der Revolution, d.h. ihr Scheitern, wird geflissentlich ausgeblendet - aber das ist durchaus Absicht: das, was sich bisher gewandelt hat, wird auch durch die spätere politische ›Reaktion‹ nicht wieder ganz zu nichte gemacht werden. Der Wandel hat so oder so Ergebnisse hervorgebracht, die die Zukunft bestimmen werden, trotz Rückschlägen, wie sie in der historischen Wirklichkeit eingetreten sind.

Ich freue mich, das bedeutende verschollene Werk dieser bemerkenswerten Autorin in digitaler Form erstmals wieder den Lesern zu Verfügung stellen zu können. (Im Text sind visualisierbare Seitenzahlen enthalten; ggfs. eMail an die im Copyright genannte Adresse).


(brucewelch)


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