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Karl Gutzkow - Der Zauberer von Rom

Karl Gutzkow - Der Zauberer von Rom




Der zweite Riesenroman von Karl Gutzkow, "Der Zauberer von Rom" (in neun Büchern zuerst erschienen von 1858-1861, ca. 3600 Seiten) ist, nach dem Urteil Arno Schmidts "die unvergleichlich beste Schilderung der katholischen Welt, die es gibt": sie mündet in die Utopie von der Wahl eines deutschen Papstes, der die Kirche und mit ihr die Menschen aus den historisch gewachsenen Zwängen befreit. Der Roman ist zugleich ein Schlüsselwerk für die enorm dynamische und ideengeschichtlich komplexe Welt des 19. Jahrhunderts. Es ist ein Jahrhundertroman, der von den Alltagswelten bis zur großen Politik eine Vorstellung von Europa als kulturellem Zusammenhang in Geschichte und Gegenwart entwickelt. Die weit gespannte Handlung führt den Leser von der westfälischen Provinz über Hamburg, das Rheinland und Köln, Wien und Rom bis nach Süditalien. Mit seinen nebeneinander verlaufenden und ineinander verflochtenen Handlungssträngen, dem gewaltigen Umfang seines Personals aus allen Schichten der Gesellschaft, ist der Roman ein Höhepunkt in der Geschichte des so genannten "Panoramaromans" und, nach Rolf Vollmann, "eine sinnverwirrend hinreißende Lektüre."
Zur Neuedition einer Printausgabe 2007 im Oktober Verlag, Münster, erschien in "taz" am 1.11.2007 eine geradezu enthusiastische Rezension von Jan Süselbeck; "perlentaucher" fasst die wesentlichen Aspekte zusammen:
"Gutzkow erzählt in seinem vielstimmigen Buch von religiösen Eiferern, von einem deutschen Papst, der am Ende in Rom eine Reform anstößt, er beschreibt psychologisch verblüffend genau (und 40 Jahre vor Freud) paranoiden Wahn und neurotische Störungen. Schon die Schilderung der Misshandlungsgeschichte der aus einem Dorf stammenden 13-jährigen Lucinde zu Anfang des Buches erringt durch ihren beklemmenden Realismus höchstes Lob des Rezensenten. Solche Szenen, sowie schonungslose Darstellungen von Alkoholismus und sexuellen Obsessionen hätten Gutzkow allerdings schwere Angriffe durch den damaligen Literaturpapst Gustav Freytag eingetragen, die ihm die langjährige Arbeit des nach und nach erscheinenden Werkes sehr erschwert hätten".
Es ist, wie bei "Die Ritter vom Geiste", die Propaganda der Vorkämpfer für einen "poetischen Realismus", Julian Schmidt und Gustav Freytag, die den beiden bedeutenden "Panorama-Romanen" Karl Gutzkows ihre verdiente Nachwirkung unterschlagen hat; die Herausgabe dieses eBooks versteht sich als ein Beitrag zur Wiedergutmachung.


(brucewelch)




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