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Ferdinand Kürnberger - Der Amerika-Müde

Ferdinand Kürnberger - Der Amerika-Müde





Ferdinand Kürnbergers "Der Amerikamüde" (1855, 504 Seiten) war ein Auftragswerk des Verlegers Meidinger, das der beständig unter Geldmangel leidende Autor anzunehmen gezwungen war, um sich aus einer aktuellen Finanznot zu befreien. Das Buch sollte nach dem Willen des Auftraggebers die weit verbreitete Amerikaverklärung konterkarieren, was Kürnberger auf parodistisch-satirische Weise zu erledigen suchte. Der Titel greift zurück auf Heines Wortschöpfung "europamüde"; Ernst Willkomm hatte sie 1838 mit seinem Roman "Die Europamüden" popularisiert.
Kürnberger, der nie einen Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt hat, benutzte zur Anregung die Erfahrungen des Dichters Nikolaus Lenau, mit dem man aber die Leitfigur Moorfeld keineswegs gleichsetzen darf.
Bei dem Versuch, den überschwappenden Amerika-Hype auf Normalmaß zu reduzieren, schießt der Autor freilich weit übers Ziel hinaus. "Scheichsbeutel" schreibt 2015 (in »blog.litteratur.ch«) mit einigem Recht:
"Das liegt zum einen an den Übertreibungen Kürnbergers, die weitgehend undifferenziert alles Amerikanische in Bausch und Bogen verdammen (das geht so weit, dass selbst die Blumen in Ohio einen nur mediokren Geruch verströmen und die Natur insgesamt der Gleichförmigkeit und Langweiligkeit geziehen wird: Natur und Menschen passen sich aneinander an), noch mehr aber an der Tatsache, dass diesem Amerikabild ein völlig verklärtes Bild Europas und im speziellen Deutschlands gegenübergestellt wird. Das Verstiegene, Übertriebene könnte noch ästhetisch gerechtfertigt werden, wenn sich aber jemand an satirisch-ironischer Gesellschaftskritik versucht, gibt es nichts Schlimmeres, als die eigene Gesellschaft von dieser Kritik weitgehend auszunehmen. Und so wünscht Kürnberger offenbar, dass die Welt am deutschen Wesen genesen möge, deutsches Wesen, das da bedeutet: Ein hohes, künstlerisch-philosophisches Niveau, ebenso anspruchsvolle ethisch-moralische Normen, wirkliche Gleichheit und ein gerechtes juristisches System. Dies alles wird nun dem deutschen Sprachraum zugeschrieben und Amerika grundsätzlich abgesprochen: Dort besteht die Freiheit nur darin, den anderen zu übervorteilen, den Geldeswert über alles andere zu setzen und ein heuchlerisch-pervertiertes Christentum zu pflegen.
Diese berechtigte Kritik wirkt durch die Glorifizierung des Deutschtums unaufrichtig. Und diese Glorifizierung kann eigentlich auch nicht durch die späte Bismarck-Begeisterung Kürnbergers erklärt werden, da der Roman 1855 erschien, zu einer Zeit, in der Kürnberger selbst noch wegen seiner Beteiligung an den revolutionären Umtrieben von 1848 auf der Flucht war. Kürnberger wusste also durchaus um die wenig anheimelnden Zustände in seinem Vaterland."

(Das hier in der Erstauflage von 1855 nach der fehlergeprüften digitalen Präsentation des Deutschen Text-Archivs wiedergegebene Werk enthält versteckte Seitenziffern; zur Sichtbarmachung ggfs. eMail an die im Copyright genannte Adresse.)


(brucewelch)


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